„Das Leben vorwärts leben“

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier überreicht Marlehn Thieme das Bundesverdienstkreuz und die Verleihungsurkunde. Foto: Bundesregierung/Sandra Steins

„Das Leben vorwärts leben“

Interview mit Marlehn Thieme

Ihr jahrzehntelanges Engagement für die Werte der Demokratie in zahlreichen Gremien fand Anfang Oktober Würdigung von höchster Stelle: Marlehn Thieme, Vorsitzende des Aufsichtsrats der Bank für Kirche und Diakonie, wurde mit dem Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland ausgezeichnet. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier würdigte sie bei einer Feier im Schloss Bellevue für ihr umfangreiches gemeinwohlorientiertes Handeln.

Mit dem Bundesverdienstkreuz wird insbesondere Ihr Engagement im Rat für Nachhaltige Entwicklung (RNE) gewürdigt. Was war Ihnen bei Ihrer Arbeit in dem Gremium besonders wichtig?

Marlehn Thieme: Die politische und gesellschaftliche Akzeptanz, die die UN-Konferenz für Umwelt und Entwicklung in Rio de Janeiro 1992 ausgelöst hatte, galt es zum Zeitpunkt meines Amtsantritts beim RNE im Jahr 2004 in Deutschland mit neuen Impulsen zu versehen. Deshalb ging es dem Gremium darum, die aus der Konferenz abgeleitete Nachhaltigkeitspolitik konkret voranzubringen und auch die Wirtschaft stärker einzubeziehen.

Welche Schwerpunkte haben Sie dabei gesetzt?

Beispielsweise haben wir den Deutschen Nachhaltigkeitskodex auf den Weg gebracht. Seit 2011 ist er ein branchenweit anerkannter Standard, um Nachhaltigkeitsleistungen von Unternehmen möglich und transparent zu machen. Außerdem haben wir uns dafür eingesetzt, den Stellenwert nachhaltiger Geldanlagen zu erhöhen. Auf der gesellschaftlichen Ebene ist es inzwischen gelungen, viele Nachhaltigkeitsthemen bekannter zu machen – beispielsweise wissen heute eigentlich alle, wie es zum Bienensterben kommt. Trotzdem wird nachhaltige Entwicklung zu stark polarisiert. Manche Menschen lassen sich gar nicht mitnehmen.

Was hat Ihren Einsatz beim RNE gekennzeichnet?

Ich habe viel von meinen Erfahrungen in meiner bürgerschaftlich engagierten Familie, aus meinen ehrenamtlichen Ämtern als Jugendliche sowie aus meiner Tätigkeit in verschiedenen kirchlichen Gremien eingebracht – allem voran: wie wichtig es ist, Übereinstimmungen und Differenzen zu erkennen und zu versuchen, die gemeinsamen Auffassungen zu einer Empfehlung an die Bundesregierung zusammenzuführen. Vor allem musste immer wieder deutlich werden, dass nicht-nachhaltiges Handeln große Risiken birgt und dass jede und jeder gefordert ist, ohne darauf zu warten, dass der Staat etwas vorgibt.

Was war für Sie der ausschlaggebende Grund für Ihre Zusage, Mitglied, kurz danach Vorsitzende des Aufsichtsrats der KD-Bank zu werden?

Bei der Deutschen Bank gehörte ich nach verschiedenen Positionen fünf Jahre dem Aufsichtsrat an. Diese Erfahrungen wollte ich gerne weiter einbringen. Mein kirchliches Engagement, unter anderem im Rat der EKD, konnte ich mit meiner Aufsichtstätigkeit in einer kirchlichen Bank professionell ergänzen. Außerdem konnte ich meine Kenntnisse in dem für die KD-Bank so wichtigen Themenfeld Nachhaltigkeit einbringen.

Wurde daraus eine „glückliche Beziehung“?

Aus meiner Sicht: Ja. Die KD-Bank nimmt ihre Aufgaben an der Schnittstelle von Finanzmarkt sowie Kirche und Diakonie äußerst ambitioniert wahr; ihrem Handeln und ihren Finanzierungsangeboten liegen ethische Nachhaltigkeitskriterien zugrunde; sie ist mit den Kunden im Dialog. Außerdem schätze ich es, dass Vorstand und Führungskräfte sich sehr dafür einsetzen, die Bank und ihre Leistungen stetig weiterzuentwickeln. Nicht zuletzt spüre ich einen guten Spirit und gemeinsame christliche Werte.

Was würden Sie einem jungen Menschen mit auf seinen beruflichen Weg geben, wenn Sie darum gebeten würden?

Oft zitiere ich den dänischen Theologen Sören Kierkegaard: „Das Leben wird nur rückwärts verstanden, muss aber vorwärts gelebt werden“. Gerade junge Menschen sollten in sich hineinspüren: Was kann ich besonders gut, was macht mir wirklich Freude. Nur wenn man weiß, was für einen selbst wirklich wichtig ist, kann man sich motivieren, Freude daran haben und auch etwas erreichen. Das alles betrifft übrigens nicht nur das Berufsleben. Es gilt auch für Freizeit und Hobbys, ebenso für alle, die bereit sind, Verantwortung in und für die Gesellschaft zu übernehmen.

Vielen Dank, Frau Thieme.

Kurzbiografie

Marlehn Thieme, Juristin

  • 1986-2013 Deutsche Bank, verschiedene Funktionen, zuletzt zuständig für Corporate Social Responsibility und Mitglied des Aufsichtsrats
  • 2003-2021 Mitglied des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD)
  • 2004-2024 Mitglied des ZDF-Fernsehrates, seit 2016 Vorsitzende
  • 2004-2019 Mitglied des Rates für Nachhaltige Entwicklung (RNE), seit 2012 Vorsitzende
  • 2014 Aufsichtsratsmitglied der KD-Bank, seit 2015 Vorsitzende
  • Seit 2018 Präsidentin der Deutschen Welthungerhilfe

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